Kommentar zur öffentlichen Diskussion der neuen PISA-Ergebnisse
Nach der Bekanntmachung der deprimierenden PISA 2025 Ergebnisse finden sich in der öffentlichen Diskussion überwiegend personenbezogene Schuldzuweisungen: die Jugendlichen müssen besser werden, die Eltern müssen sich mehr kümmern, Lehrkräfte aller Schulformen müssen besser unterrichten. Keine Rolle spielt ein Aspekt, auf den Schleicher bei der Vorstellung der PISA Daten hingewiesen hat: In Deutschland ist die Schere zwischen Jugendlichen aus sozial schwachen Milieus und denen aus sozial privilegierten Milieus auch deshalb am größten, weil im deutschen Schulsystem keine großen Leistungsanforderungen und -erwartungen an schwache Schüler und Schülerinnen gestellt werden. Auf diesen Sachverhalt haben Wilfried Bos und ich schon vor mehr als 20 Jahren hingewiesen: „Die deutsche Schule reagiert auf Leistungsversagen der Schülerinnen und Schüler nicht mit verstärkten Förderbemühungen, sondern mit Auslesemechanismen, wie „Sitzen bleiben“, Schulformwechsel oder Überweisung an außerschulische therapeutische Einrichtungen, wie dies beispielsweise der Fall ist bei Legasthenie, Dyskalkulie oder wie die modischen Etikette der Pathologisierung von Kindern gerade lauten“ (Valtin & Bos 2004). Hinzuzufügen ist die Überweisung an Sonderschulen,obwohl in Deutschland schon seit 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention gilt.
Auch unser Fazit ist nach wie vor aktuell: „Will man die Schülerleistungen in Deutschland verbessern und die in PISA aufgedeckten Defizite des deutschen Bildungswesens (geringer Anteil an ausreichend qualifizierten Jugendlichen, hohe Leistungsstreuung zwischen guten und schwachen Jugendlichen, hohe soziale Selektivität bei großer externer und interner Auslese) beheben, so sind grundlegende strukturelle Veränderungen der Schulform erforderlich, aber auch ein Bewusstseinswandel: weg von der Dreifaltigkeitstheorie der bildungsresistenten Begabungen hin zu einem universalen Bildungsoptimismus und weg vom Auslese- zum Forder- und Fördergedanken“.
Renate Valtin, Wilfried Bos (2004): (Was) können wir aus IGLU für die Lehrerbildung lernen? In: Hans Merkens (Hrsg.) Lehrerbildung: IGLU und die Folgen, Leske und Budrich (Der Beitrag wird demnächst bei Pedocs eingestellt und kann dann heruntergeladen werden)
