Bücherwurm soll Lust aufs Lesen machen – Leseinitiative Nordrhein-Westfalen. Ein Bericht mit kritischen Anmerkungen Von Ulrich Hecker

Gabriele Behler, Bildungsministerin in Nordrhein-Westfalen, stellte am 20. Juni in Duisburg die "Leseinitiative NRW" vor, die sie gemeinsam mit Partnern aus Wirtschaft, Medien und Verbänden ins Leben gerufen hat.

Die Leseinitiative steht unter dem Motto "Bücherwürmer in NRW - An die Bücher - fertig - lies!" und richtet sich vor allem an Grundschulkinder, Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Eltern.

"Wir wollen uns gemeinsam für eine gesellschaftliche Wertschätzung des Lesens einsetzen", sagte Ministerin Behler. "Um Lust auf Lesen zu machen, brauchen wir eine breite Öffentlichkeit und viel Unterstützung. Diese Öffentlichkeit wollen wir mit unseren Partnern und unseren Aktionen herstellen." Gemeinsam mit dem Bildungsministerium haben die Projekt Ruhr GmbH, der Verband Bildung und Erziehung (VBE) NRW, die Landesvereinigung der Arbeitgeberverbände NRW und die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) ein breit gefächertes Programm zusammen gestellt.
Den Anstoß für die Gründung der Leseinitiative gab die Pisa-Studie.

Die Aktionen im Einzelnen:
l Auftaktveranstaltung war der große "Bücherwurmtag" am 20. Juni in Duisburg. Duisburger Grundschulen stellten auf elf Aktionsinseln in einem "Bücherwurm-Leseland" dar, wie sie kreativ mit dem Thema Lesen umgehen, so gab es ein Bilderbuchkino und ein Vorlesezelt. 400 Grundschulkinder und ihre Lehrerinnen waren eingeladen, um sich Anregungen und Ideen zu holen.

Moderiert wurde der Tag von Viva-Moderator Mola Adebisi.

l Die Aktion "Bücherwürmer in den Ferien" richtet sich vor allem an die Grundschulen im Ruhrgebiet. Sie erhalten vor den Sommerferien eine Leseliste zum Thema "Ferien und fremde Länder". Bücher aus der Leseliste werden in der WAZ vorgestellt, die Kinder können selbst Rezensionen schreiben und die besten Kritiken werden in der Zeitung veröffentlicht.

l Nach den Sommerferien geht es weiter mit der "Bücherwurmrallye", einem landesweiten Lese- und Schreibwettbewerb. Ein Kinderbuchautor wird dafür den Anfang einer Geschichte schreiben, Schülerinnen und Schüler denken sich das Ende aus. Die schönsten Fortsetzungen werden prämiert.
l Die Landesvereinigung der Arbeitgeberverbände stellt Kindergärten Buchpakete mit einer Auswahl an Kinderbuch-Klassikern und Neuerscheinungen zur Verfügung.

Fachforum zur Leseförderung

"Lesen schafft Chancen" war das Motto eines „Fachforums zur Leseförderung“, zu dem das Schulministerium Lehrerinnen und Lehrer der Grund- und Sonderschulen in Duisburg eingeladen hatte.

„Lesen schafft nicht nur Chancen“, bemerkte DGLS-Präsident Prof. Heinz W. Giese in seiner Einleitung, „Lesen schafft auch Lust - und erfordert Lese-Kompetenz!“

Dr. Wolfgang Meyer-Heesemann, Staatssekretär im Schulministerium, stellte den aktuellen Bezug zur PISA-Studie her: „42 Prozent der befragten 15jährigen deutschen Schülerinnen und Schüler haben angegeben, nie freiwillig ein Buch zu lesen. Die fehlende Freude am Lesen ist offensichtlich eine Ursache für die schlechten Ergebnisse bei der Lesekompetenz. Beim Verstehen, Erfassen und Reflektieren von Texten lagen die deutschen Schüler deutlich unter dem OECD-Durchschnitt. Wenn Kinder nicht lesen, dann entgehen ihnen also nicht nur viel Freude, Spannung und Bilder im Kopf. Wenn Kinder nicht lesen, dann hat das Folgen für ihr ganzes Leben, für ihren schulischen und beruflichen Erfolg. Damit dürfen wir uns nicht abfinden."

Des Staatssekretärs Schlussfolgerung: "Wir brauchen eine größere gesellschaftliche Wertschätzung des Lesens und des Lernens. Der Computer ist heute zum attraktivsten Freizeitbegleiter geworden. Lesen mit den Eltern oder Stöbern im eigenen Buch, diese Erlebnisse im Elternhaus fehlen vielen Jugendlichen heute.“

„PISA hat 15-jährige Schülerinnen und Schüler getestet. Die Ergebnisse aber sind für alle Lehrerinnen und Lehrer von Interesse, alle müssen aus PISA lernen, gerade auch Bildungsverwaltung und Bildungspolitiker“, stellte Dr. Elmar Schulz- Vanheyden, Abteilungsleiter im Schulministerium, in seinem Referat fest.

Ein Dilemma in Nordrhein-Westfalen ist: Vielen Schülern fehlt die Sprachkompetenz. Denn unter den zahlreichen Migrationsgruppen befinden sich allein 38 Prozent Aussiedler, die kein Deutsch gelernt haben. Wie soll da das Lesen als Mittel fürs Verstehen funktionieren?

Das Ergebnis einer Berliner Studie ergab: 60 Prozent der Zuwandererkinder verstehen einfachste Sätze nicht.

„Es geht nicht um bloßes ‚Entziffern’ oder nur ‚literarisches Lernen’ – es geht um den Aufbau eines anwendungsorientierten Textverständnisses.“

Eine der wichtigsten Konsequenzen sei es, so Elmar Schulz-Vanheyden, die soziale Selektion zu entschärfen: „Zugespitzt formuliert ergibt PISA: Wer keine guten Voraussetzungen für das Lernen hat, der lernt in der Schule auch weniger! Nur durch eine stärkere individuelle Förderung können wir Misserfolgserlebnisse abbauen!" Im Ausbau der Ganztagsschule sah er einen wesentlichen Baustein zum Erfolg. Doch müsse die gezielte sprachliche Förderung schon vor Beginn der Schulzeit beginnen. Deutschland leiste sich als einziges Land in Europa eine ungeregelte Vorschulbildung.

Foren als „roter Faden“

In fünf Foren gingen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach den Referaten auseinander. Die Themen der Foren ergeben schon für sich einen „roten Faden“ sinnvoller Initiativen um „Literalität“ zu fördern und zu entwickeln:

  • Lernräume, die Lesen und Leser provozieren

Prof. Heiko Balhorn, DGLS, Universität Hamburg

  • Konzepte zum differenzierten Unterricht und zur Vermeidung von LRS

Norbert Sommer-Stumpenhorst, Schulpsychologischer Dienst Kreis Warendorf

  • Lesekompetenz durch Neue Medien

Johann-Wolfgang Reiling, Gymnasium Borghorst

  • Leseförderung für Migrantenkinder

Rüdiger Urbanek, Landesinstitut für Schule, Soest

  • Attraktiver Unterricht durch produktiven Umgang mit Texten

Christel Eberhard, Grundschule Unter den Kastanien, Duisburg

Resümee

Heinz W. Giese versuchte als „Rapporteur“ Verbindendes aus den Foren zu berichten und zu resümieren. Hier einige Fragmente:

Kinder ernst nehmen

Ein gravierendes Problem des Leseprozesses und der Didaktik ist der ständige Versuch, etwas kindgerecht zu machen. „Bei der Aufklärung sagen wir Kindern inzwischen die Wahrheit. Warum sagen wir ihnen bei Orthographie und Grammatik nicht die Wahrheit?“

Wichtig ist, dass Lehrende sich selbst in die Fragehaltung begeben. „Lehrende müssen Kindern, Jugendlichen und Studierenden eine liebevolle und neugierige Haltung zur geschriebenen Sprache ‚vor-machen’. Wir müssen Kinder ernst nehmen und sie nicht verwöhnen.“

Gemeinsam lesen

Wir müssen wieder Formen finden und fördern, in denen Lesen ein gesellschaftliches Ereignis ist: In den Elternhäusern und Familien, in Schulen und Hochschulen.

Faszination und Technik des Lesens

… sind keine Gegensätze. Kindern die Technik des Lesens durch mangelnde Gelegenheit zur Aus- Übung vorzuenthalten ist eine der „modernen Formen der Verwahrlosung“.

  • Wir Lehrende müssen uns ständig fragen, wie wir dem Wunsch der Kinder nach dem ‚Größerwerden’ entsprechen können. Denn groß werden wollen sie!“
  • Schließlich: Eines liegt Professor Giese besonders im Magen: "Es ist ein Skandal, dass man Deutschlehrer werden kann, ohne eine Vorlesung in Grammatik oder Orthographie besucht zu haben."

Nach PISA: Alte Einsichten als neue Aussichten?

  • Mit Kindern sprechen. Kindern das Wort geben. Auch über Lernen und Schule sprechen.
  • Vorlesen. Mit Kindern lesen. Dem Lesen Zeit geben und Räume.
  • Lesekompetenz schafft Schule nicht allein. Lehrerinnen und Lehrer können ruhig auch Forderungen nach außen stellen: an Eltern, Großeltern.
  • Heinz Giese zu PISA: „Wir haben es alle geahnt. Keiner hat es gewusst. Und jetzt ist der da – der hoffentlich heilsame Schock!“
  • Wie es jetzt weiter geht? Jetzt kommt die PISA-Ergänzungsstudie. Mit den Wahlkampfreflexen der (Bildungs-) Politiker. Jetzt geht es wieder klein-klein zu in der Diskussion. Kleinlich.
  • Der Duisburger Startschuss zur Leseinitiative richtete sich am Morgen an Grundschulkinder und nachmittags an ihre Lehrerinnen: „Die Leseförderung in den Grundschulen wird weiter gestärkt. Es werden zum Beispiel besondere Fortbildungen und pädagogische Konferenzen zum Thema Leseförderung angeboten.“ (Staatssekretär Meyer- Heesemann)

Das ist richtig und notwendig. Gerade in den Erfahrungen vieler Grundschulen liegt eine ganze "lesepädagogische Schatzkammer" voller Ideen und schulischer Erfahrungen, wie Leselust bei allen Kindern in der Schule gefördert werden kann und wie sich darauf aufbauend Lesekompetenzen entwickeln lassen:

freie Lesezeiten, Leseprojekte, Lesetagebücher, Autorenlesungen, fantasievoller Umgang mit Gelesenem; bei Kindern mit nicht-deutscher Familiensprache das Lesenlernen in der Sprache, die sie bereits kennen, und die ersten Kinderbücher auch in dieser Sprache, Leseförderung weit über die Grundschuljahre hinaus.

  • Die PISA-Studie untersucht die Lesekompetenz von 15-jährigen! Und Elmar Schulz- Vanheyden betonte zu Recht: „Lesekompetenz ist nach der Grundschule nicht abgeschlossen!“
  • In vielen weiterführenden Schulen aber findet an die Grundschule anschließende, altersgerechte, weiter-führende Leseerziehung kaum noch statt. Lesen und Lesenkönnen werden schlicht vorausgesetzt.

Dringend notwendig ist es, die "Leseinitiative" auf die Sekundarstufe auszudehnen: Wie können Lesekompetenz und Freude am Lesen unter Heranwachsenden und Jugendlichen verbreitet werden? Und wann gibt es ein solches Fachforum für Lehrerinnen und Lehrer der Sek. I?

„Die empirische Wende der deutschen Bildungspolitik hat mit PISA begonnen“, bemerkte Elmar Schulz- Vanheyden. Hoffentlich lernt Bildungspolitik und –verwaltung, dass die pädagogische Wende not-wendig ist.

(24.06.2002)

Wissens- und Lesenswertes zur Leseerziehung finden Sie im Bildungsserver des Landes NRW. Klicken Sie @ www.learn-line.nrw.de

Nützlich ist hier z.B. das "Alphabet der Leseförderung" (anklicken!).

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