Zur Problematik von Quereinsteigern

Das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) hat kürzlich herausgefunden, dass die schulischen Leistungen von Schülerinnen und Schülern dann schlechter sind, wenn sie nicht von Fachlehrern unterrichtet werden.  In Berlin, das laut IQB-Bildungstrend 2016 in allen gemessenen Leistungsbereichen (Lesen, Mathematik, Orthographie und Zuhören) am unteren Ende der Länderverteilung liegt, musste aufgrund des Lehrermangels in diesem Schuljahr jede zweite offene Stelle an der Grundschule mit Seiteneinsteigern besetzt werden. Zur Problematik von Quereinsteigern finden  Sie eine wichtige Stellungnahme der Kommission für Grundschulforschung und Pädagogik der Primarstufe der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft.

Anlage: Stellungnahme zur Einstellung von Personen ohne erforderliche Qualifikation als Lehrkräfte in Grundschulen (Seiten- und Quereinsteiger) 

3 Antworten

  1. Ich kann Ihre Stellungnahme nur teilweise unterstützen und möchte gern einige Gedanken als betroffene “minderqualifizierte” Quereinsteigerin in einer Grundschule loswerden: Sicher ist es richtig und wichtig, dass Kinder fachlich und didaktisch qualifizierten Unterricht erleben – ist halte es jedoch für einen Trugschluss, dass allein ein Lehramtsstudium diese Qualität sicherzustellen vermag:
    1. Längst nicht alle studierten Grundschullehrer bieten guten, engagierten und dem Kind zugewandten Unterricht – diese Motivation ist möglicherweise einer der wichtigsten Vorteile mancher Quereinsteiger. Wer sich ins kalte Wasser des Klassenzimmers stürzt und nebenher noch Fortbildungen absolviert, muss den Job wirklich wollen.
    2. Quereinsteiger haben meiner Erfahrung nach oftmals mehr pädagogisches Knowhow als gemeinhin angenommen; viele kommen aus verwandten Berufen (Sozialpädagogen etc.). Viele haben auch bereits Berufs- und Lebenserfahrung aus anderen Tätigkeiten und Familienarbeit – dieses Lebenswissen ist für Kinder durchaus relevant und gewinnbringend.
    3. Alle Quereinsteiger, die ich bislang erlebt habe, sind enorm lernwillig und haben große Freude an moderner, auch aufwendiger und fordernder Methodik im Klassenzimmer – kann das für die Mehrheit der “gestandenen” Lehrer auch behauptet werden? Ich bin nicht sicher; an meiner Schule erfüllen viele KollegInnen nicht einmal das jährliche Fortbildungs-Soll von 4 Tagen.
    3. In nicht wenigen Ländern ist das sog. home schooling anerkannt und erfolgreich. Offenbar ist es möglich, dass Eltern ihre Kinder beschulen – warum soll das in Deutschland nur studierten Lehrern vorbehalten sein? Ich finde diese Einstellung anmaßend.

    Insgesamt ist es für mich nicht nachvollziehbar, warum allein der Studienweg mittels Lehramt zum Lehrer qualifizieren soll; viele andere Tätigkeiten sind über mehrere Studiengänge, über Weiterbildungen und berufliche Erfahrungen zu erreichen. Gerade Lehrer wollen manche nicht gleich nach dem Abi werden; erst mit ein bisschen Abstand zur eigenen Schullaufbahn und mit etwas Lebenserfahrung ergibt sich der Wunsch, Wissen weiterzugeben. Doch wer sich erst später für den Beruf entscheidet, hat dann “Pech” gehabt – mit Kindern und anderen Verpflichtungen kann man sich ein erneutes Vollzeitstudium einfach nicht leisten. Geeignete berufsbegleitende Weiterbildungen sind jedoch rar gesät, teuer und führen meist nicht zum selben Qualifikationslevel, wie es das Lehramtsstudium ermöglicht. So bleibt man ewig Quereinsteiger und damit (zumindest in meinem Bundesland) ewig Lehrer zweiter Klasse: geringer bezahlt, aber mit denselben Aufgaben und Verantwortlichkeiten wie die Kollegen mit Staatsexamen. Das ist doch das eigentlich Ungeheuerliche an der Geschichte.

  2. Hallo Eine Quereinsteigerin,

    ich finde es ist zum einen eine politische Grundsatzentscheidung: Entscheidet man sich zur Nutzung von Quereinsteiger/innen, die man nicht nur zur Überbrückung sondern dauerhaft einstellt und diese bleiben dann immer auf dem “zweiten Rang”, dann teile ich es: politisch falsch.

    Es ist aber auch eine inhaltliche Frage, die hier zunächst empirisch bearbeitet wird. Alle beschriebenen Effekte wird es bei einzelnen Personen geben, möglicherweise sogar im Schnitt/bei vielen, aber: an dieser Stelle können die Zahlen kaum lügen, der Durchschnitt der erzielten Leistungen bei Quereinsteiger/innen ist offensichtlich geringer als bei grundständig qualifizierten Grundschullehrer/innen (vertraue hier der Auswertung des IQB).

    Das Studium scheint ein Niveau zu ermöglichen, was Begeisterung und bestehende Fortbildungen nicht erbringen.

    Somit haben wir derzeit ein inhaltliches Problem: Lehrer/innen werden eingestellt und die Schüler/innen lernen bei Ihnen weniger (aller Erwartung nach wird es dicke Überschneidungen bei den Verteilungen innerhalb der beiden Gruppen geben). Meine Frage wäre deshalb, ob man deshalb grundsätzlich eine Gruppe verbieten will, die derzeit als Lösung ohnehin die einzige ist…

    Der Verweis auf Homeschooling gilt meines Wissens nur bedingt, da homeschooling oftmals an erbrachte Leistungsniveaus gekoppelt ist.

  3. Ich habe sehr lange und sehr intentsiv mit dem Quer- oder Seiteneinstieg ins Lehramt der Sek.I in NRW zu tun gehabt. Grund für den Seiteneinstieg war dort der extreme Mangel in den Fächern Technik, Physik, Chemie, Mathematik. Ich habe Anerkennungsverfahren für Diplom-Ingenieurinnen und -ingenieure durchgeführt und die Ausbildung in den Studienseminaren organisiert .
    Die Leute starteten zumeist nach dem Prinzip “Spring und schwimm”, das heißt, sie hatten es unendlich schwer am Anfang, meist ohne besondere Unterstützung.
    Aufgrund meiner Erfahrungen kann ich sagen, dass es fachlich hochqualifizierte Menschen gibt, die sowohl Talent für den Umgang mit Jugendlichen und ein entsprechendes Autreten als auch Fleiß und Engagement für eine qualifizierte Einarbeitung gezeigt haben.
    Als Beispiel möchte ich die zahlreichen Architektinnen nennen, die wg. Kinderpause etc. nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten konnten. Sie konnten nach eigenen Aussagen wenig anfangen mit dem Schulfach “Technik”. In dieser Hinsicht haben sie sehr, sehr viel lernen können in den entsprechenden Seminarveranstaltungen. Etliche sind heute gegeisterte und erfolgreiche Lehrerinnen.
    Und ein weiteres Beispiel: eine Ingenieurin aus Russland hat mit ihrer Hauptschulklasse einen Mathematikpreis gewonnen!
    Fazit: Manchmal tut es “der Schule” gut, wenn Leute von “draußen” hineinkommen!
    Erika Altenburg, Bonn

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