Frage des Monats: Leseflüssigkeit fördern

Mitglieder der DGLS und andere Personen kommentieren zu Fragen aus der Praxis. Die Frage im Oktober lautet:

In meiner nun dritten Klasse befindet sich ein Schüler, der zwar sinnentnehmend liest, sobald er etwas vorlesen muss ist die Lesetechnik jedoch stockend, nicht betont und lautierend - Buchstabe für Buchstabe.

Was für Material empfehlen Sie zur Verbesserung der reinen Lesetechnik?

Wir freuen uns über Tipps und Lösungsvorschläge, welche Sie als Kommentar zu diesem Blog notieren können.

 

6 Antworten

  1. Die DGLS-Frage des Monats im Oktober lautet:
    In meiner nun dritten Klasse befindet sich ein Schüler, der zwar sinnentnehmend liest, sobald er etwas vorlesen muss ist die Lesetechnik jedoch stockend, nicht betont und lautierend – Buchstabe für Buchstabe.
    Was für Material empfehlen Sie zur Verbesserung der reinen Lesetechnik?

    Es geht nicht um spezielles Material (außer, dass die Kriterien für “leseleichte Texte” beachtet werden sollten, sondern um eine angemessene Sicht auf das Lesen(können). Das Beispiel macht deutlich: das (laute) Vorlesen ist eine eigenständige Kompetenz. Dabei geht es nicht um „Lesetechnik“, denn das (allerdings leise) Erlesen muss der Junge beherrschen, sonst könnte er den Text nicht verstehen. Laut vorzulesen verlangt aber mehr: Man muss den verstandenen Text nicht nur sinngerecht, sondern auch wortgenau wiedergeben – und das dazu noch in einer sozialen Situation, in der Fehlerangst oder einfach die Anwesenheit anderer das Adrenalin hoch treibt. Also muss der Lesevortrag geübt werden können, eher das Kind „öffentlich auftritt“. Für Manche Kinder wirkt es als Einstieg erleichternd, wenn sie den Vortrag im häuslichen Umfeld digital aufnehmen und dann in der Klasse abspielen dürfen. Vor allem aber: Das Vorlesen sollte eine Funktion haben (also nicht einen schon allen bekannten Text noch einmal vorlesen), z. B. als Kostprobe aus einem Buch, das das Kind in der Klasse als persönliche Empfehlung vorstellt.

  2. Ein philosophischer Zugang: Wenn zwischen Denken und Sprechen das Zeichen tritt, wird beides gleichsam ausgebremst. Das geschieht schon im stillen Lesen; dabei aber treibt das Vorstellungsvermögen den Prozess der Sinnentnahme voran, sodass, kaum sind einzelne Phrasen entschlüsselt, die folgenden kaum mehr der Entschlüsselung zu bedürfen scheinen – wo sie doch notwendig erscheint, kommt rasch ein gutes syntaktisches Repertoire zu Hilfe und knackt die Stelle, womit der Prozess in potenzierter Geschwindigkeit fortgehen kann. Stolz präsentiert das sprachlich gewandte Kind sein Ergebnis und will weiter gehen. Vorlesen dagegen bändigt nun auch noch sein Vorstellungsvermögen. Hier bremst das Zeichen mit voller Wucht, es verlangt, dass der entstehende Strom sich entschieden in feinste Verzweigungen leiten lässt, auch innehält mitten im Satz oder Wort, dass nachgehorcht wird, was in der vorigen Phrase erklungen ist und dass die folgende sich akkurat einfügt. Unangenehm. An der Sache ausgedrückt: Ein Spannungsverhältnis zwischen zwei Seiten macht sich geltend. Der Widerspruch von Sog und Stockung, der in der Natur des Zeichens selbst angelegt ist, äußerst sich als stolpernde, tastende, irrende Zunge. Wer mag sowas schon anhören!
    Was kann man tun? Das ergibt sich aus dieser Sachlage: Man muss langsam das Spannungsverhältnis lösen, indem man auf der einen Seite den Sog bändigt, auf der anderen dem Vorstellungsvermögen Raum lässt.
    Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, wie das gelingen kann. Hier nur kurz eine aus meinem Schatzkästlein: Zwei Leser (das kann auch ein einzelner und gegenüber die Klasse sein) bereiten einen Satz still vor, nehmen wahr, wo eine Sinnpause gemacht werden kann, lösen dann die Augen vom Text und sprechen sich (am besten im Raum frei stehend) ihre “Takte” zu. Wenn ein Abschnitt so erarbeitet ist, macht einer dasselbe allein, spricht also die Takte frei in den Raum. Im dritten Schritt wiederholt man das, darf aber die Augen im Text lassen. Jetzt muss man sein eigenes Tempo wahrnehmen und steuern können. Das Ziel: ein Vortrag, den die Zuhörer entspannt und mit Konzentration auf den Inhalt anhören können. Das ist zugleich eine Schule in Sachen Syntax und Prosodie. Und kann richtig Spaß machen. In diesem Sinne: Wünsche philosophisches Vergnügen! S. Birck

  3. Liebe Kollegin,
    erst mal sollten Sie sich richtig freuen, dass der Junge “Sinnentnahme” praktiziert, das heißt, dass er Lesen kann, denn Lesen ist Verstehen. Wenn der Junge beim stillen selbstständigen Lesens eines Textes den Inhalt versteht und wiedergeben kann, dann sollten Sie ihn loben, loben, loben.
    Das Vortagen eines Textes ist eine eher repräsentative Veranstaltung. Das muss nicht jede Person können, vor allem muss nicht jeder Mensch die “Kür” beherrschen, also einen unbekannten Text vortragen können. Dabei muss dann der Kopf ein bisschen schneller sein als die Artikulation, sonst gibt es das wahnsinnige Phänomen, dass ein Kind laut aritkuliert, aber leider gar nichts versteht, und das können wir dann nicht “Lesen” nennen. -Ich konnte mt einer guten Aussprache-Technik meine Note in Französisch retten! –
    Und nun zur Praxis: Bitte nur einen bekannten Text vorlesen lassen. Also: bekannt und verstanden vom Vorlesekind, für die Zuhörenden neu und damit interessant (s. auch Hans Brügelmann).
    Zum Üben (ohne Zuhörerschaft) den Text in Sinnschrittee einteilen, diesen Teil erfassen und dann aussprechen lassen, eventuell sogar vorsprechen. Das kann man auch mit einer eigenen kleinen “Textentwicklung” üben: Heute//gehe ich//mit meiner Mutter// in die Stadt//und wir essen//ein Eis.
    Viel Erfolg – und ich freue mich über eine Rückmeldung!!
    Erika Altenburg

  4. Liebe Kollegin, lieber Kollege!

    Ich kann Frau Altenburg nur zustimmen: Wenn das Kind verstehend lesen kann, ist der wesentliche Teil der Lesekompetenz erworben.

    Beim Vorlesen haben manchmal auch gerade die Kinder Schwierigkeiten, die still sehr schnell lesen. Von daher ist Herr Brügelmanns Hinweis, dass das Vorlesen eine eigene Kompetenz ist, sehr richtig. Dem Ausbau dieser Kompetenz wird im schulischen Alltag nicht immer genug Raum gegeben, das schließt ebenso das Sprechen ein.

    Vielleicht hat das Kind mehrmals negative Erfahrungen beim Vorlesen gemacht und gerät daher unter Stress, wenn es vorlesen soll. Von daher sollte es in Zukunft positive Erfahrungen beim Vorlesen sammeln. Das kann man unterstützen, indem man die (laute) Leseflüssigkeit schult und das Kind nur dann vorlesen lässt, wenn es den Text sicher beherrscht.
    Im folgenden Buch werden verschiedene Methoden zur Förderung der Leseflüssigkeit sehr gut beschrieben:

    https://www.friedrich-verlag.de/shop/leseflussigkeit-fordern

    Gerade das Paired Reading, bei dem Tandems aus der Klasse miteinander lesen, bietet eine gute Möglichkeit, Kinder beim Ausbau der Leseflüssigkeit zu unterstützen.

    Viel Erfolg dabei!

    Hanna Sauerborn

  5. Liebe Kollegin,

    Kinder wie der Junge, den Sie beschreiben, sind keine Seltenheit. Legasthenietherapeutinnen machen diese Beobachtung sogar bei weitaus älteren Schülern (ich habe von ihnen viele entsprechende Leseprotokolle auch von Sekundarstufenschülern erhalten).

    Studentinnen meiner Seminare haben guten Lesern und schlechten Lesern – Lesern, die zwar Wörter „rauskriegten“, aber Wort für Wort und „ohne Punkt und Komma“, vor allem ohne die Betonungen des Deutschen lasen – aus mehreren Grundschulklassen einen Text lesen lassen und den Schülern anschließend Fragen zu dem Text gestellt. Die schlechten Schüler erreichten im Schnitt weniger als 50 % der Anzahl der richtigen Antwort, die die guten Leser brachten. Offensichtlich hängt die Fähigkeit, gut – also den Text inhaltlich gliedernd und mit der richtigen Melodie – zu lesen, stark mit der Fähigkeit, Texte zu verstehen, zusammen.

    Die Lehrerinnen, mit denen ich zusammenarbeite, legen sehr viel Wert auf das Üben der richtigen Wort- und Satzmelodien (-betonungen) beim Lesenlernen von Beginn an. Dazu gehört, dass die Kinder die Regeln lernen, nach denen die Buchstaben des Wortes zu Silben zu bündeln sind, und Silben durch Betonungsdifferenzen zu Wörtern mit den typisch deutschen Melodien zusammenzufügen. Sobald Sätze auftauchen, lernen sie, welche Wörter zu Nominalphrasen (Satzgliedern) zu bündeln sind. Denn Nominalphrasen haben eine eigene Melodie, und ihre melodisch festgelegte Abfolge gibt dem Satz im Deutschen die Melodie, mit der das Verstehen verbunden ist.

    Um zu lernen, wie die Betonung einer Phrase ist (die betonte Silbe des letzten Wortes einer Nominalphrase hat eine stärkere Betonung als die anderen Silben: ), erhalten die Kinder Sätze mit einem einfachen Muster:

    Nominalphrase Prädikat 1 Nominalphrase
    < Meine liebe Oma backt einen leckeren Kuchen.>

    Die zu den Nominalphrasen gebündelten Wörter sind in den Sätzen, die wir den Kindern zum Lesenlernen und -üben geben, durch größere Zwischenräume von den benachbarten Satzteilen abgetrennt (s.o.). Das erleichtert ihnen, das wichtige Bündeln zu lernen. Im 2. Schuljahr lernen die Kinder, die Großschreibung von Wörtern als Merkmal für die rechte Begrenzung der Nominalphrasen zu interpretieren, um die Sätze allmählich selber beim Lesen (und für das Schreiben) in der notwendigen Weise gliedern zu können (denn dafür ist Großschreibung im Deutschen da!):

    Nominalphrase Präd. 1 Nominalphrasen Präd. 2

    Anschließend lernen die Kinder, beim Lesen die Satzmelodie richtig zu gestalten: jeder normal gesprochene Satz im Deutschen hat zwei Betonungsgipfel: die Hauptbetonung auf der betonten Silbe des großgeschriebenen Worts vor Prädikat 2, die Nebenbetonung auf der betonten Silbe des großgeschriebenen Worts vor Prädikat 1:

    <Die mutige Elf war trotz ihres guten Spielens im absoluten Aus gelandet.>

    Alle anderen betonten Silben haben eine geringere Betonung.
    Wenn die Kinder das wissen, haben Sie die Möglichkeit, Sätze richtig zu lesen, also so, dass sie die Sätze, die sie laut vortragen, verstehen und dass man ihnen gerne zuhört.
    Wenn Sie solche Sätze basteln und allmählich die Zahl der Nominalphrase erhöhen, wird Ihr Schüler – so sind unsere Erfahrungen – bald einen Blick für die Nominalphrasen in den Sätzen kriegen. Für das Verstehen der Texte (sowohl beim leisen als auch beim lauten Lesen) ist diese Fähigkeit aus dem Grunde so wichtig, weil jede Nominalphrase eine Information enthält. Wenn die Kinder die Wörter der Nominalphrase ohne Unterbrechung als Einheit lesen und minimale Pausen nach dem Lesen jeder Phrase machen, haben sie die Möglichkeit, den Inhalt jeder Phrase aufzunehmen und mit den anderen Informationen, die sie bereits lesend erhalten haben, zu verbinden. Wie gesagt: die Lehrerinnen, die das Lesenlernen auf dieser Art vermitteln, berichten von guten Erfolgen.

    Material dazu kann ich Ihnen z.Z. nicht nennen. Ich arbeite mit zwei Lehrerinnen derzeit an einem Lehrwerk für die ersten zwei Klassen („Die Kinder von Zirkus Palope“). Diese und viele andere Übungen mit gleichem Ziel haben darin einen großen Raum. Es wird gerade in zehn Klassen erprobt – mit sehr erfreulichen Resultaten. Wir gehen davon aus, dass wir – zumindest das gesamte Material für das 1. Schuljahr (Lesebuch, Arbeitshefte, Lieder und Spiele) – im nächsten Jahr veröffentlichen können.

    Viele Grüße
    Christa Röber

    • Zunächst halte ich, neben dem sinnentnehmenden Lesen, die Lesetechnik für sehr wichtig, da das Vorlesen zum einen der Kinder untereinander, zum anderen aber auch das Lesen und Vortragen vor einer Gruppe, für mich wichtiger Bestandteil des Unterrichts in allen Fächern ist.
      Natürlich ist das Vorbereiten von Texten dabei ein wichtiger Faktor (Referate, eigene Texte etc. können vor dem Vortrag geübt werden).
      Auch die von Frau Sauerborn genannten Methoden zur Verbesserung der Leseflüssigkeit halte ich für elementar.
      Wenn ein Kind bereits Schwierigkeiten mit dem Vorlesen von Wörtern hat, ist zunächst die Arbeit mit Silbenteppichen – bei denen die Silben nach Möglichkeit nicht erst erlesen, sondern simultan erfasst werden sollten – wichtig. Wenn mit den Silbenteppichen gearbeitet wurde, und das genannte Erfassen gelingt, wäre für mich der nächste Schritt, mit einem Silbentrenner zu arbeiten, der zugleich durch eine Farbe betonte und durch eine andere Farbe unbetonte Silben kennzeichnet – ausgehend von trochäischen Zweisilbern hin zu Sätzen und Texten, um die Aussprache des Wortes adäquat hinzubekommen.
      Diese Texte sollten zunächst mit Silbentrenner, dann ohne Silbentrenner und schließlich in der “normalen” Schrift(größe) gelesen werden.
      In diese Arbeit ist dann das von Frau Röber Geschriebene zu integrieren, da dadurch die Sätze die ihnen typische “Satzmelodie” erhalten.
      Meine Schritte wären also: Silben – Wörter (trochäische Zweisilber – andere Wörter) – Sätze – komplette, immer länger werdende Texte zu lesen; dabei zunächst mit und dann immer mehr ohne Silbentrenner zu arbeiten.
      Dass das Kind gern liest, bereits leise lesen kann und die Sinnentnahme beherrscht, sind Faktoren, die für das Lesen lernen und das Üben der Lesetechnik sehr hilfreich sind – und den Prozess begünstigen werden.

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