Frage des Monats: Umgang mit Texten

Jeden Monat veröffentlichen wir in unserem Blog eine Frage des Monats. Wir freuen uns über unterschiedliche Meinungen und Tipps von unterschiedlichen Experten aus Forschung und Praxis.

Wenn Sie selber eine Frage zum Lesen und Schreiben haben, können Sie uns diese an hanna.sauerborn [@] ph-freiburg.de schicken.

 

Wie soll ich mit Texten meiner Schülerinnen und Schüler umgehen?

Das Thema "Geschichtenschreiben" ist für viele Kolleginnen und mich mit vielen Fragen verbunden. Vor allem wissen wir nicht immer, wie wir mit den Texten mancher Kinder umgehen sollen - gerade im unteren Leistungsspektrum.

Der vorliegende Text stammt von einem Schüler unserer Schule. Der Texte wurde Ende Klasse 3 verfasst. Wie würden andere Kolleginnen und Kollegen mit diesem Text umgehen?

Schülertext zur Frage des Monats November 2017

Anmerkung der DGLS: Das Einverständnis zur Veröffentlichung des Texts liegt vor.

5 Antworten

  1. Liebe Kolleginnnen und Kollegen,
    meine Empfehlungen für den Umgang mit Kindertexten – gezeigt an diesem Beispiel:
    – zuerst einmal: würdigen! Das Kind hat einen weitgehend stimmigen Text geschrieben, das heißt, der Inhalt ist verständlich.
    Es geht um einen Mann und seinen Hund – und das Verschwinden des Hundes, während der Mann sich auf seine Email-Antwort konzentriert. – Wir leben im Zeitalter der smartphones!! Drauf geguckt und nichts anderes wahrgenommen!!- Der Mann sucht den Hund auch an anderer Stelle, im Park. Wir können uns denken, dass auch dieser Ort von Mann und Hund des Öfteren besucht wird. Der Hund kommt zurück, das ist das positive Ende. Dann kommt etwas Märchenähnliches: “bis ihr Lebensende”. Da würde ich dem Kind empfehlen, eine andere Formulierung zu suchen dafür, dass Herr und Hund noch lange zusammen sind.
    Lobend würde ich die Stelle erwähnen: “Mister XBox suchte ihn weiter und weiter.” Die Wiederholung bewirkt, dass man sich die lange Suche gut vorstellen kann.
    Eine schnelle Textanalyse: Typischer Anfang: Eines Tages….Er…….spielte. Er war froh (spielen und froh machen deutlich, wie wohl sich der Mann mit dem Hund fühlt.).
    Aber….Das schlimme Ereignis bahnt sich an. Aber…einen Hasen…. Der Hund ist weg. Hier zeigt sich eine kleine Lücke, denn der Mann hat offenbar lange gesucht, aber am nächsten Tag ist der Hund – hier vielleicht ein “immer noch” einfügen?? Vorschlag für das Kind- verschwunden.
    Dann die glückliche Rückkehr, ohne Emotionen erzählt, aber Herr und Hund bleiben “lebenslänglich” zusammen.
    Es handelt sich um einen im formal-grammatischen, textlinguistischen Sinne stimmigen Text (mit winzigen Einwänden). Und damit, aus meiner Sicht, um eine zufriedenstellende Leistung,wenn es darum geht, einen Erzähltext zu produzieren.
    Erika Altenburg, Bonn
    Meine Zusatzempfehlung: den Text in der korrekten Rechtschreibung tippen. Dann hat man oft einen ganz anderen Eindruck. Und für eine individuelle RS-Analyse nutzen.

  2. Philosophisch betrachtet: Der Text zeigt – wie jeder Text, in dem Autor und Schreiber in Personalunion wirken – das Spannungsverhältnis zwischen Eigenem und Fremdem. Das Eigene sind die Gedanken und Vorstellungen, die sich im Lauf des Schreibprozesses entwickeln, mal ganz aus dem Fundus der Erfahrungen, mal gerade in der Auseinandersetzung mit dem Fremden, meist beides zusammen. Das Fremde ist die Aufgabe, auch der Adressat, den wir unterschwellig im Augenwinkel haben oder bewusst anpeilen. Zum Fremden gehört auch der Gestus der Schriftsprache, der uns aus Institutionen, aus Textgattungen, aus Autoritäten fordernd entgegentritt: Schreib so! Manchmal auch einladend, wie z.B. in der vertrauten Sprache des Märchens: Du kannst eintreten. In der Regel findet ein Kampf statt zwischen Eigenem und Fremdem, der, je mehr sich Schreiber an das Erfüllen von Anforderungen gewöhnen, sie schult im Reproduzieren von gewünschten Darstellungsweisen und von Floskeln. Nicht allen gelingt das. Sie gelten dann als schwach, bauen syntaktische Unfälle.
    Dieser Schüler steht am Anfang dieses Werdegangs. Er lässt sich noch einladen von einem ihm vertrauten Gestus des Erzählens. Aber er hält sich auch an die Aufgabe der Bildervorlage und lässt sein Vorstellungsvermögen ganz von ihr lenken. Er erzählt karg und folgerichtig. Wo bleibt das Eigene? Es bricht unvermittelt und eindringlich hervor im Schluss: die Idee eines starken Gefühls.
    Was tun? Eigenes und Fremdes versöhnen, wahrnehmen, wo die Quelle des Erzählens in diesem Fall zum Sprudeln kommen könnte – gerade der syntaktisch missglückte Schluss ist hier ein hervorragender Hinweis. Erzähl mal, das scheint ja ein heftiges Erlebnis gewesen zu sein für den Mister X Box.
    Die Schwierigkeiten auf der Zeichenseite sollten angegangen werden, wenn die Fähigkeit zur nachgeschalteten Rechtschreibkorrektur erworben wurde (???). Dabei sollte die Zeichensetzung, verbunden mit phrasierendem lautem Vorlesen, an erster Stelle stehen. Wenn ein “schwacher Schüler” dann seine Erzählung zum Klingen bringen kann, wird er sich wundern, was er zustande gebracht hat. Das ist wirklich meins? Für diese Erfahrung und nur für sie! lohnt sich der Kampf – philosophisch betrachtet eben.
    Sabine Birck

  3. Ich schließe mich Frau Altenburg direkt an, was die Empfehlung angeht, so einen Text erst einmal zu würdigen. Ich habe nie in der Schule unterrichtet, sondern äußere mich aus der Perspektive einer Kursleiterin, die lange in der Alphabetisierung Erwachsener u. älterer Jugendlicher gearbeitet hat, auch in der Fortbildung anderer KursleiterInnen und von LerntherapeutInnen. Aus dieser Perspektive wäre dieser Text natürlich als bereits phantastisch gut zu beurteilen – mit kleineren Problemen, die man erst gemeinsam mit dem/der Lernenden verstehen muß, um dann Hilfestellung fürs Bearbeiten anzubieten. Für Ende 3. Klasse Grundschule gilt das Ergebnis aber als im unteren Leistungsspektrum, aha, was dazugelernt.

    Was ich sehe ist, daß zum Ende hin die Konzentration nachgelassen hat. Entweder, was die Übergänge zwischen den Ereignissen in den Bildern (denn es ist ja eine Bildergeschichte) angeht – oder das Ausformulieren bzw. auch Aufschreiben durchaus angedachter Sätze und Satzteile – oder beides. Das verlangt nach einem kontrollierenden Lesen vor Abgabe des Ergebnisses – und zwar gezielt auf die Vollständigkeit von Sätzen hin. Kann nach meiner Erfahrung relativ schnell verstanden und geübt werden. Schließlich findet man meist nur, was man sucht, gilt gerade auch für Fehler. Im Gespräch könnte aber auch herauskommen, daß das unter Zeitdruck passiert ist.

    Das Kind schreibt offensichtlich bereits überwiegend der Rechtschreibung entsprechend. Wo die (noch?) nicht vorhanden ist, greift es auf mehr lauttreues Schreiben zurück. Durchaus eine sinnvolle Strategie, denn lesbar bleibt der Text dadurch. Wenn es auch zu der Verschlimmbesserung von “ver-” zu “vär-” geführt hat.
    Was auffällt:
    1) irgendwann müssen Übungen zur Dehnung – die berühmt-berüchtigten “langen” Vokale – großen Eindruck gemacht haben. Zweimal “dehn” – aber nur, wo man eigentlich “dem” erwarten würde.
    2) Groß- und Kleinschreibung von Wortanfängen ist etwas unsicher, aber in nur wenigen Fällen.

    Einem/einer Lernenden in einem Kurs oder Förderunterricht würde ich das genau so vermitteln: Es ist sehr vieles bereits richtig. Eine Verbesserung wäre aber schon noch möglich – und unter Noten-Gesichtspunkten wahrscheinlich auch wünschenswert. Und dann aushandeln, was wie bearbeitet werden kann, um die Unsicherheiten auszubügeln oder Fehlendes nachzulernen.

    Ich selbst habe beste Erfahrungen damit gemacht, die Selbstkontrolle eines Textes als systematische Fehlersuche zu vermitteln. Auch wenn dieses Kind offenbar nicht zu großer Flüchtigkeit neigt – man beachte die vielen Verbesserungen – hilft systematisches Kontrollieren (was ja Fehlersuchen ist) normalerweise. Betonung auf systematisch. “nochmal durchlesen” kennt anscheinend jede/r – aber gerade von denen, die es besonders nötig haben, weiß keiner, wie man das Schritt-für-Schritt macht.

    Die o.a. Empfehlung kann ich nur unterstützen, den Text in korrekter Rechtschreibung abzutippen – nachdem das Ende der Geschichte zusammen mit dem Lernenden ergänzt worden ist. Diese Abschrift, evtl. in Flattersatz, kann dann auch gleich als Vorlage dienen, mit der der ursprüngliche Text (systematisch) verglichen wird. Bei so relativ wenigen Fehlern könnte man bei einigen davon besprechen, was sich der Schreiber überlegt hat – gibt manchmal interessante Denkwege, die zu Falschschreibungen führen. Vgl. “Fehler sind Fenster zum Denken” Diese Denkwege zu modifizieren hilft meist mehr als eine Regel zu pauken und dann noch zu lernen/übern, wie man sie anwendet. Und wenn es Flüchtigkeitsfehler waren, dann hilft nach meiner Erfahrung das regelmäßige Praktizieren des systematischen Fehlersuchens, daß diese rasch deutlich abnehmen.

    Wünsche gute Fortschritte 🙂

  4. Texte zu verfassen und zu überarbeiten ist eine der anspruchsvollsten Leistungen – sowohl für die Schülerinnen und Schüler, als auch für die Lehrkraft, die den Prozess begleitet und die Schreibentwicklung der Kinder unterstützt.
    Wenn Kinder in meinem Unterricht einen Text schreiben, wissen sie immer, dass der erste Aufschrieb nur der Anfang ist und wir anschließend ausführlich an dem Text arbeiten. Die Arbeit am Text wird mit der Präsentation in der Klasse abgeschlossen – diese erfolgt nach mehreren Stunden Textarbeit.
    Doch die Arbeit am Text ist nicht nur fordernd, sie ist mindestens genauso förderlich und bietet sich in idealer Weise an für einen integrativen Deutschunterricht, in dem die verschiedenen Kompetenzbereiche miteinander behandelt werden und die jeweiligen Themen funktional eingebunden besprochen werden können. Dafür hat sich bei mir ein mehrphasiges Vorgehen etabliert:
    1) Zuerst schreiben die Kinder ihre Texte auf. Dabei erhalten sie unterschiedlich viel Hilfe – je nach individuellen Bedürfnissen.
    2) Anschließend sammle ich die Hefte ein. Ich kopiere jeden Text einmal.
    3) Die Kopie des Textes gebe ich zurück an das Kind und bitte es, mit einem roten Stift eigenständig nach Fehlern zu suchen. Anschließend setze ich mich neben das Kind und wir sprechen die selbst gefundenen Fehler durch, außerdem unterstreiche ich Wörter, die das Kind nicht identifiziert hat, mit einem blauen Stift. Wir besprechen, ob das Kind die richtige Schreibung kennt, wenn man es auf das fehlerhafte Wort hinweist und warum man das Wort anders schreibt. Falls das Kind die richtige Schreibung kennt, wird der Fehler mit Blau berichtigt. Falls nein, wird das Wort grün eingekreist. Das Kind sieht nun, dass es die rot und blau unterstrichenen Wörter eigenständig hätte korrigieren können bzw. eigenständig korrigieren kann. Bei manchen Kindern macht dies 80% der Fehlschreibungen aus. In dieser Phase können auch noch weitere sprachliche Ausdrücke kurz besprochen werden.
    4) Ich tippe den Text ab (siebe Beispiel zu dem vorgestellten Text hier: https://drive.google.com/open?id=1TGsJHmmxoxIbfP8G8amfZKdBgDfeOfBp). Dabei bereinige ich alle orthographischen und grammatischen Fehler. Ich verbessere auch einige stilistische Dinge. Allerdings versuche ich, so nah wie möglich am Text zu bleiben. Ich verbessere in stilistischer Hinsicht auch nicht alles, denn bei einigen Aspekten soll das Kind selber nochmals am Text arbeiten. Diese Teile des Textes versehe ich mit einer Fußnote und schreibe in die Fußnote, was man hier überdenken bzw. verbessern könnte. Die Frage formuliere ich in der Regel im Präteritum, damit die Kinder durch die Frage indirekt geleitet sind, die Antwort auch im Präteritum zu verfassen. Davon weiche ich ab, wenn der Text in einer anderen Zeit steht bzw. eine andere Zeit sinnvoller ist.
    5) Die Kinder machen sich Notizen auf dem von mir ausgedruckten Blatt. Sie zeigen mir oder einem anderen Kind die Notizen.
    6) Anschließend schreiben sie den Text nochmals ab.
    7) Zum Schluss wird der Text in der Klasse vorgelesen.
    Ich notiere mir noch Beobachtungen zu jedem Text aus dem Bereich Grammatik und Rechtschreibung. Entsprechend der Beobachtungen behandle ich bestimmte Themen nochmals in Kleingruppen oder mit der ganzen Klasse. Dies hängt davon ab, bei wie vielen Kindern das jeweilige Thema relevant ist.
    Viele Lehrkräfte sagen, eine Textüberarbeitung in dieser Form sei viel zu aufwendig. Mit Sicherheit ist sie aufwendig, aber die Kinder lernen sehr viel dabei. Wir arbeiten mehrere Stunden an einem Text – das relativiert die Zeit, die ich dafür aufwende. Ich habe mit diesem Vorgehen sehr gute Erfahrungen gemacht und die Schreibkompetenz der Kinder hat sich enorm verbessert.

  5. Eine Ergänzung zu meiner ersten Antwort
    Durch die Kommentare der beiden Kolleginnen ist mir erst aufgefallen, dass es sich bei dem Schreibanlass um eine Bildergeschichte gehandelt hat. Das Argument für die Bildergeschichte war in den 1970-er Jahren, dass alle Kinder denselben Schreibanlass hätten und damit die Ergebnisse vergleichgar seien. Außérdem brauchte das Kind keine eigene Schreibidee, der Inhalt wäre ja schon da. Seit dem Wandel in der Schreiberziehung gab es viel Kritik am Einsatz von Bildfolgen: Zum Einen sind sie gar nicht so einfach in einen schriftlichen Text zu verwandeln (als Sprechanlass besser geeignet), zum Anderen interessiert sich kein Mensch für die Geschichte, denn sie ist ja schon in Bildern erzählt und somit ein Rezeptionsproblem. Seit etlichen Jahren heißt der Gegenentwurf: Kinder schreiben frei nach eigenen Ideen, oder sie bekommen eine Schreibanregung in Form eines Einzelbildes, das Erzählpotential beinhaltet. Oder eine thematische Vorgabe: z.B “Streitgeschichte”: Wer streitet? Worum geht es? Wie endet der Streit?
    Unterschiedliche Kindertexte kann man mit Hilfe einer einfachen linguistischen Textanalyse bewerten:
    Handelt es sich um einen stimmigen Text? -Anfang, Ende, Verknüpfungen – und damit verständlich. Ist es ein Erzähltext (falls dies verlangt wurde)? -Passiert etwas?- Wenn ein stimmiger Text vorliegt, kann postiv Auffälliges, und zwar sprachlich/stilistisch wie auch inhaltlich, zu einer guten bis sehr guten Note führen.
    Ich habe diverse Texte zum Thema “Offene Schreibanlässe” bzw.”Textbewertung” verfasst, will aber jetzt keinen “Werbeblock” starten.

Leave a Reply